„Flucht und Integration“ als Thema im Jakobi-Treff „ Kirche und Welt“

 „Flucht und Integration“ war das Thema des Jakobi-Treff „Kirche und Welt“ im September. Als Referentin konnte Karl Wilms Lien Anh Nguyen begrüßen, die nach den Wirren des Vietnamkrieges Ende der neunziger Jahre ihre Heimat verlassen musste und jetzt in Rheine lebt. 
 
Zu Beginn zeigte Sie einige Bilder, die deutlich machten, was Sie an landschaftlichen Reizen zurück gelassen hat: Ihre Heimat, die Halog-Bucht im Nordosten von Vietnam,  liegt rd. 100 km von der vietnamesisch-chinesischen Grenze entfernt und ist wegen der außerordentlichen Küstenstruktur heute UNESCO-Weltkulturerbe. Sie machte aber auch deutlich, welche Grausamkeiten der damalige Vietnamkrieg für die Bevölkerung bedeutete und welche Nachwirkungen z.B. die Entlaubungen mit dem Mittel „Agent Orange“ noch heute haben. Als Vietnamesin mit chinesischen Wurzeln war sie und ihre Familie nach dem Krieg von massiver Verfolgung bedroht und hat alles zurücklassen müssen, um nicht in ein „Umerziehungslager“ gesteckt zu werden.
 
Bei der lebensgefährliche Flucht mit einem kleinen Boot über das südchinesische Meer ist das Boot verunglückt und nur mit knapper Not wurde sie von dem damaligen Rettungsschiff Cap Anamur unter Dr. Rupert Neudeck gerettet.  
In dem Chaos der Rettung verlor sie den Kontakt zur ihrer Familie, die sie erst 10 Jahr später nach intensiver Recherche, aber eigentlich auch eher durch Zufall wiederfand.
 
Den Weg nach Deutschland ebnete seinerzeit ein politischer Entschluss des damaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Ernst Albrecht, der unabhängig von den üblichen Prozessen die Aufnahme der sogenannten „Boatpeople“ durchsetzte.
 
Über die Stationen Honkong, Unna-Massen, Hopsten und Mesum habe es sie schließlich nach Rheine verschlagen. Nicht nur der Anfang sei ihr schwer gefallen, aber der unbedingte Wille zur Integration habe ihr Leben gekennzeichnet. Den halbjährigen Sprachkurs habe hat sie intensiv genutzt, nicht nur in den eigentlichen Übungsstunden: Jeden Morgen ab 5 Uhr habe sie gelernt und gebüffelt und das immer bis spät in die Nacht. Durch die Integration in eine deutsche Familie sei ihr der Einstieg in das Bildungssystem gelungen, heute ist sie Mitarbeiterin der öffentliche Verwaltung in Rheine.
 
In der Diskussion teilte Nguyen ihre persönlichen Erfahrungen mit den Zuhörern: Ja, der „Kulturschock“ sei riesengroß gewesen und nicht nur in ihrer ersten Zeit in Deutschland habe sie viel geweint. Nein, Rheine sei heute nicht ihre Heimat, aber ihr Zuhause, das ihr und ihrer Familie ein sicheres Leben biete; und nein, sie können sich nicht vorstellen, nach Vietnam zurückzugehen, als Chinesischstämmige werde sie nach wie vor in Vietnam verfolgt und das Land sei geprägt von Postkommunismus, Missmanagement  und Korruption. Das A und O einer gelungenen Integration sei das Erlernen der Sprache, auch wenn es einem die deutsche Sprache nicht leicht mache, betonte sie mit einem Augenzwinkern  (das Messer, die Gabel, der Löffel..). Ein weiterer wichtiger Faktor sei die persönliche Begegnung und natürlich der nachhaltige Wille, Flüchtlinge aufzunehmen und das Bemühen, Integration zu fördern.  
 
Am Ende dankten die aufmerksamen und nachdenklichen, manchmal auch betroffenen Zuhörer für den persönlich gehaltenen Vortrag mit langem Applaus.