"Angst, Wutbürger und Rechtspopulismus" als Thema im Jakobi-Treff "Kirche und Welt"

 

Rund 70 Zuhörer fanden am letzten Mittwoch im Februar trotz des zeitgleichen ARD-Films über Katharina Luther den Weg in die Jakobi-Kirche zum Jakobi-Treff „Kirche und Welt" mit dem Thema „Angst, Wutbürger und Rechtspopulismus". Referent war der Journalist und Diplom-Theologe Gerd-Matthias Hoeffchen, Chefredakteur der Evangelischen Wochenzeitung „Unsere Kirche“.  Die Besucher sollten ihr Kommen nicht bereuen und bekamen eine Blick von außen auf gesellschaftliche Entwicklungen, die besorgt und betroffen machten.
 

Als ein Beobachter, einer, der den ganzen Tag lang, schon vor dem Aufstehen und dann auch nachts noch im Bett, mit Nachrichten zu habe und dessen Job es sei, die Dinge zu durchdenken , sehe er auf der einen Seite unzufriedene Bürgerinnen und Bürger, die dem Staat Totalversagen vorwerfen, der Regierung Rechtsbruch und den Medien Falschberichterstattung. Auf der anderen Seite jene, die Angst hätten vor einem Aufschießen von Rassismus, Faschismus und einem neuen "Dunkel-Deutschland". Beide Seiten ständen einander zunehmend unversöhnlich gegenüber, bezeichneten einander wechselseitig als "Gutmenschen" und "Rechtspopulisten". Sie schimpften übereinander, dreschten mit Worten hart und voller Vernichtungswillen aufeinander ein.  

Ja, es gebe in unserer Gesellschaft unzufriedene Verlierer (gefühlt oder echt), die das Gefühl haben, abgehängt zu sein, ausgeschlossen zu werden. Der Soziologe Heinz Bude spreche von einem Milieu der Verbitterten, etwa 10% der Bevölkerung, die auf Hartz IV–Leistungen angewiesen sind oder davor Angst haben. Dazu kämen etwa 15% der Bevölkerung, denen trotz Leistung die leistungsgerechte Bezahlung und die soziale Anerkennung versagt bleibe, das sogenannte Dienstleistungsproletariat. 

Diese Gruppe der Gesellschaft sei geprägt von Sorge, Angst, Verbitterung und dem Gefühl von Ohnmacht und misstraute grundlegend dem demokratischen System. Der Rest der Bevölkerung - und damit die etablierten Parteien - stünden dem bislang weitgehend hilflos gegenüber. Damit ständen sich zwei Gruppen gegenüber, die einander die Existenzberechtigung absprechen. Und die keinen Weg der Verständigung mehr miteinander fänden. Genau das sei die Krise der Demokratie, genauer unserer repräsentativen Demokratie. 

Bei jemandem, der voller Sorge, Angst, Verbitterung, Ohnmacht sei, helfen keine Fakten. Ein "Schau mal, deine Angst ist völlig unbegründet." oder "Du musst doch nicht verbittert sein, weil ..." funktioniere nicht. „ Um an den ranzukommen, braucht es einen Therapeuten, einen Seelsorger. So verhalten wir - also die Liberalen - uns aber nicht. Sie müssen erst zuhören. Ihn ernst nehmen. Versuchen, seine Binnenperspektive zu verstehen. Und nicht gleich das Gefühl vermitteln: Das, was dich umtreibt und zerfrisst, ist alles nur Einbildung. Da liegt der Fehler der bürgerlichen Gesellschaft“ so Hoeffchen.

Denn es gebe die "gefühlte" Wahrheit. Und an die komme man nicht ran, wenn gleich mit Fakten loslegt. Gefühlte Wahrheiten, postfaktisches Zeitalter, das sei ein Problem. Das war es zwar schon immer. Nämlich am Stammtisch. Oder am Gartenzaun. „Aber jetzt ist der Stammtisch riesig groß geworden. Internet und Social Media schaffen eine eigene Wirklichkeit, einen Kreis der Selbstbestätigung, den Sie nicht mehr zu durchbrechen brauchen, wenn Ihnen nicht danach ist. Die Tagesschau? Die lügt doch. Das sagen doch alle anderen auch - alle in meiner Blase, in meiner Bubble. Aber das sind Hunderttausende, vielleicht schon Millionen.“

Dagegen helfe Kommunikation: Miteinander reden. Erstmal zuhören. Versuchen, die Lage aus den Augen der anderen zu sehen. Vielleicht erkennen wir dann, dass es tatsächlich Probleme gibt, und nicht alles nur eingebildet ist. Vielleicht lernen wir dann zuzugeben, dass der Umgang mit anderen Kulturen, mit Einwanderung notwendig und wünschenswert ist, aber auch seine Tücken hat. Vielleicht lernen wir dann, nicht immer sofort "Fremdenfeindlichkeit" und "Rassismus" zu rufen, wenn jemand sagt, wir brauchen Obergrenzen. Aber dann auch klar Position beziehen, wo es nötig ist. 

Die Probleme seien lösbar, aber nur, wenn die Gesellschaft sich nicht weiter spalte. Und hier sei der Ort der Kirche. Sie könne Räume bieten für Stimmen der Vernunft. „Als Christ muss ich auf der Seite der Schwachen stehen. Gerade der Fremden. Die Bibel sei geradezu ein Buch, das vom Gottesvolk als umherirrend in der Fremde erzählt. Sie ruft zu Gastfreundschaft auf. Jesus beim Weltgericht: Ich bin Fremder gewesen ... Das ist richtig. Und ich teile das zu 100%. Aber: Wer teilt das sonst noch? Da draußen. Es reicht nicht, sich darauf zu verlassen "weil die Bibel sagt." Damit leben wir auch in einer Blase. Wir müssen es den Menschen schon noch irgendwie vermitteln. Deshalb: Räume bieten: Für das Gespräch. Das Zuhören - auch bei abweichenden Meinungen. Für Begegnung. Für das Zusammenleben und -feiern. Auch mit den Fremden. Für beispielhaftes Handeln. Und dann auch: für das klare Bekennen“ schloss Hoeffchen seinen engagierten Vortrag. 

Am Ende dankten die nachdenklichen Zuschauer mit langem Beifall, die Diskussion und Fragen stellen heraus, dass wir hier in Rheine noch etwas auf der „Insel der Seligen“ leben und das starke bürgerschaftlichem Engagement z.B. bei der Integration von Flüchtlingen weiter fördern müssen.