"Dem Leben ein Ende setzen…?" Vortrag im Jakobi-Treff "Kirche und Welt"

Herbsttag
 
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los. 
 
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein. 
 
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 
 
Rainer Maria Rilke
 
Rund 60 Zuhörer fanden am vierten Mittwoch im September den Weg in das Gemeindehaus zum monatlich stattfinden Jakobi-Treff „Kirche und Welt“. Das Thema war  "Dem Leben ein Ende setzen…?“, als Referentin konnte Karl Wilms Dr. Angela Grote-Reith, Chefärztin der Medizinischen Klinik IV (Geriatrie und Palliativmedizin) des Mathias-Spitals im Jakobi-Krankenhaus begrüßen. 
 
Mit dem Gedicht „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke eröffnete die Referentin ihren Vortrag.  Zwar gehöre das Sterben zum Leben, doch sehe der Lebensentwurf des Einzelnen Krankheit nicht vor, zehrende Krankheiten seien nicht geplant.
Vom Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert war das Sterben nicht Teil des Lebens, weshalb der Arzt sich nicht damit beschäftigte, aber der Tod gehöre mit zum Leben und Palliativmedizin begleite den Sterbenden. 
 
Ein Todeswunsch bedeute, das Sterben abzukürzen und beruhe häufig auf Angst vor Kontrollverlust und nicht gut eingestellter Schmerztheraphie. Die höchste Suizidrate gebe es bei Männern ab 75 Jahren. Der Bundesgerichtshof geht in seiner Rechtsprechung von der Straflosigkeit der Selbsttötung aus, wenn sie frei und eigenverantwortlich gewollt und verwirklicht ist. 
 
Grote-Reith erläuterte, Tötung auf Verlangen sei dagenen ein Straftatbestand, Beihilfe zum Suizid sei in Deutschland straflos. Diese Hilfe könne vielfältige Formen haben, sie kann zum Beispiel darin bestehen, jemanden zu einer Sterbehilfeorganisation im Ausland zu fahren, Medikamente zu besorgen, einen Becher mit einer tödlichen Substanz zuzubereiten und hinzustellen. In Abgrenzung zur „Tötung auf Verlangen“ komme es darauf an, dass der Hilfeleistende  das Geschehen nicht in der Hand hält. Den entscheidenden Akt des Suizids müsse der Sterbewillige selbst vollziehen, indem er das Getränk mit der tödlich wirkenden Substanz austrinkt, den tödlichen Schuss selbst abfeuert.
 
Der ärztlich assistierte Suizid sei zwar rechtlich gesehen straflos, unter Umständen können in dieser Konstellation aber Abgrenzungsprobleme entstehen, die bei anderen Menschen nicht auftreten, weil der Arzt eine Behandlungspflicht haben könnte, die andere Menschen nicht haben und deren Vernachlässigung zum Beispiel dazu führen könnte, einen ärztlich assistierten Suizid als Totschlag durch Unterlassung zu bewerten. Gerade hier seien neue gesetzlichen Regelungen  zu Patientenverfügungen und zur Bedeutung des mutmaßlichen Willens erforderlich. 
 
Nicht strafbar sei das Unterlassen und Begrenzen oder Abbrechen lebenserhaltender  oder lebensverlängernder Maßnahmen, sofern dies dem Willen des Patienten entspricht wie z.B. künstliche Ernährung, Flüssigkeitszufuhr, Medikamentengabe, Beatmung oder Intubation .
 
Bei  Therapiezieländerung  werde grundsätzlich nicht auf alle therapeutischen Maßnahmen verzichtet , wie der Begriff des Behandlungsabbruchs nahelegt; vielmehr erfolge gezielt eine Korrektur hinsichtlich des Einsatzes einer spezifischen Therapie, während gleichzeitig selbstverständlich versucht wird, zu erreichen, dass der Patient nicht leidet. 
 
Bei  Behandlung am Lebensende könne die Gabe stark wirksamer Medikamente zur Symptomkontrolle notwendig sein. Dabei sei nicht auszuschließen, dass durch unbeabsichtigte Nebenwirkungen der medikamentösen Symptomlinderung der Eintritt des Todes beschleunigt wird. Im Vordergrund steht auch hier die Intention der genutzten Maßnahmen: Handlungsleitend ist grundsätzlich der Bedarf an Symptomlinderung und nicht eine Beschleunigung des Sterbens. 
 
Grote-Reith betonte, ein offensichtlicher Sterbevorgang solle nicht durch lebenserhaltende Therapien künstlich in die Länge gezogen werden. Darüber hinaus dürfe das Sterben durch Unterlassen, Begrenzen oder Beenden einer begonnenen medizinischen Behandlung ermöglicht werden, wenn dies dem Willen des Patienten entspricht. Dies gelte auch für die künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr. 
 
Selbst bei exzellenter Palliativmedizin werde es Menschen geben, die aus der Situation ihrer schweren Erkrankung heraus Suizid begehen möchten, diesen unter Umständen aber nicht durchführen können. Die Palliativmedizin bietet aus ihrem lebensbejahenden Ansatz heraus Hilfe beim Sterben an, jedoch nicht Hilfe zum Sterben. Es gehört aus Sicht der Palliativmedizin nicht zum Grundverständnis der Palliativmedizin, Beihilfe zum Suizid zu leisten oder über die gezielte Durchführung zum Suizid zu beraten. 
 
Es gehört aber unbedingt zu den ärztlichen Aufgaben, sich respektvoll  mit  Todeswünschen von Patienten- wie auch Suizidwünschen im engeren Sinne auseinanderzusetzen. Hierzu gehört in erster Linie, mit den Betroffenen, deren Angehörigen und dem eingebundenen Team die palliativmedizinische Optionen zur Linderung von Leid zu erörtern und zu versuchen, einen gemeinsamen Weg zu finden.
 
Anhand von Fallbesprechungen wurde die Wichtigkeit von Patientenverfügungen, aber auch die Suche nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten herausgearbeitet. 
 
Nach wie vor sterben 60% der Menschen  im Krankenhaus; es gehöre zu den grundsätzlichen rechtlichen und moralischen Pflichten eines jeden Arztes, seinen Patienten in Würde sterben zu lassen und ihn dabei empathisch zu betreuen. Jede therapeutische Maßnahme, die zur Verlängerung oder Verkürzung des Sterbeprozesses führt, bedürfe der Indikation durch den behandelnden Arzt. Dabei sei stets die eigene Haltung wichtig, wenn die Haltung gut sei, dann kommt man eher zu guten Entscheidungen.
 
Am Ende dankten die aufmerksamen und nachdenklichen Zuhörer mit langem Applaus.