Jakobi-Treff „Kirche und Welt“ zum 175-jährigen Geburtstag des Kindergartens

„175 Jahre Fröbel – Kindergarten im Wandel“ war das Thema im Jakobitreff „Kirche und  Welt“ im Januar. Dazu konnte Karl Wilms als Referentin mit Uta van Delden, Geschäftsführerin des Kindergartenverbundes des Ev. Kirchenkreises Tecklenburg eine ausgewiesene Expertin vorstellen, die zudem das Kindergartenhandwerk von der Pike auf gelernt hat.
 
Van Delden führte aus, dass das besondere Verdienst Fröbels darin bestehe, mit der Gründung des ersten Kindergartens 1840  die Bedeutung der frühen Kindheit nicht nur erkannt zu haben, sondern auch diese Erkenntnis in die Praxis umgesetzt zu haben.  „Nach seinem damals entwickelten Konzept arbeiten die Kindergärten noch heute, indem sie sie mit Liedern, Beschäftigungen und gezieltem Spielen die frühe Kindheit die Kinder bereichern“ und  „im Zentrum seiner Pädagogik stellte er das Spiel als typisch kindliche Lebensform und erkannte im Spiel seinen Bildungswert. Das ist bis heute gültig und wird leider immer noch unterschätzt“. 
Wie wechselvoll die Geschichte der Kindergärten sei, sehe man daran, dass im Königreich Preußen Kindergärten von 1851 bis 1860 wegen „destruktiver Tendenzen“ verboten waren. Einen Aufschwung erlebte das Kindergartenwesen in den Weltkriegen, als die Mütter als Arbeitskräfte in den Fabriken gebraucht wurden. 
 
In den 1950er und 1960er Jahren war Deutschland durch eine  eher  traditionelle Auffassung der geschlechtsspezifischen Aufgaben- und Rollenverteilung in der Familie geprägt. In einer Familie sollte die Frau als Mutter für die Versorgung der Kinder verantwortlich sein. Damals war die Verweildauer der Kindergärtnerin in ihrem Beruf meist kurz, da es vielen jungen Frauen vor allem darum ging, die Jahre zwischen dem Schulabschluss und der Heirat bzw. der Geburt des ersten Kindes sinnvoll zu füllen. „Die pädagogischen Vorstellungen damals waren bei Eltern und Erzieherinnen andere als heute. Allgemein erachtete man es als wichtig, dass Kinder gehorchen lernten und sich willig den Forderungen der Erwachsenen fügten. Hinzu kam, dass aufgrund der großen Kindergartengruppen ein strenger, oft auch autoritärer Erziehungsstil weit verbreitet war“, so van Delden.
 
Erst ab 1970 sei es zu einem Paradigmenwechsel gekommen: Der Kindergarten, der bis dahin von der Bildungspolitik wenig beachtet wurde und als sozialfürsorgerische Einrichtung galt, wurde nunmehr als unterste Stufe des Bildungswesens, also als eine Bildungseinrichtung definiert. Erstmals werde hier von Bildungspolitikern auf die Benachteiligung von Kindern aus sozial schwachen Familien im Bildungswesen hingewiesen, die durch eine frühzeitige Förderung ausgeglichen werden müsste. Eine Aufgabe, an der Kindergärten und Schulen bis heute arbeiten.
 
Heute heiße es nicht Kindergarten sondern Kindertageseinrichtung, aus der Kindergärtnerin seien die Erzieherinnen geworden (aber auch heute noch sei der Beruf fast nur weiblich).
 
Durch gesetzliche Regelungen (Kinderbildungsgesetz NRW von 2008, das sogenannte KiBiz mit schon 2 Revisionen) sei eine stetige Unruhe im System; die Umstellung auf eine pauschalisierte Finanzierung führe zu einer strukturellen Unterfinanzierung, es heiße „Mit den Pauschalen auszukommen!“  Monatliche Meldungen in das sogenannte KiBiz web, sind laut Gesetz einzustellen.
 
Heute können Eltern  wählen zwischen Öffnungszeiten von 25, 35 oder 45 Stunden wöchentlich, die Arbeitsbelastungen und Herausforderungen für das pädagogische Personal seien hoch, obwohl es in den meisten Einrichtungen zu einem Ausbau von Personalstunden gekommen sei. Die langen Öffnungszeiten, die Betreuung der U3-Kinder, die Bildungsvereinbarung und auch die Erwartungshaltungen von Eltern seinen nicht immer einfach umzusetzen. 
Die Fluktuation in den Einrichtungen sei durch Erziehungszeit, Sonderurlaub, sofortiges Beschäftigungsverbot  des Betriebsarztes für Schwangere nicht zu vermeiden, zudem sei die Übermittagbetreuung mittlerweile Standard.
 
Van Delden betonte,  dass die Kirche sich aus dem Bereich der frühkindlichen Bildung nicht zurückziehe. Christliche Werte und religionspädagogische Angebote seien weiterhin wichtig und werden auch von vielen Familien gewünscht.
 
„Kinder sind wie Blumen, man muss sich zu ihnen niederbeugen, wenn man sie erkennen will“ schloss sie ihre Ausführungen, an die sich eine lebhafte Diskussion anschloss.