"Lügen" als Thema im Jakobi-Treff "Kirche und Welt“

"Woher kommt die Fähigkeit des Menschen zu lügen" war das genaue Thema im letzten Jakobi-Treff "Kirche und Welt". Karl Wilms konnte als Referent Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Pienemann begrüßen, emeritierter Hochschullehrer für Sprachwissenschaft der Universität Paderborn.
 
In seiner Einführung machte Pienemann deutlich, dass es ihm nicht um eine moralische Bewertung des Lügens gehe, sondern dass er klären wolle, warum das Lügen zum Wesen des Menschen gehöre - wie auch z. B. der Humor, ein netter Verwandter der Lüge.
 
Ausgehend von verschiedenen Studien über die Häufigkeit des täglichen Lügens und eines kurzen Beispiels eines ertappten Kleinkindes arbeitete Pienemann die kognitiven Voraussetzungen des Lügens heraus: Der Lügner wisse, dass er etwas Unwahres sagt und nimmt an, dass der Belogene dies nicht weiß. Dazu müsse er die Realität sprachlich darstellen können, zwischen eigener Wahrnehmung und der Wahrnehmung des anderen unterscheiden können, die Realität mit verborgenen Absichten unwahr darstellen können und schließlich die unwahre Darstellung aufrecht erhalten können.
 
Lügen erfordere Bewusstsein, d.h., die komplexe Wahrnehmung eines „Ich“ in Beziehung zu anderen Personen und zur Umwelt, dazu komme noch die Fähigkeit, Kontinuität von Zeit, Raum und Personen zu erkennen. 
 
An zahlreichen Beispielen wie den 200 freiwilligen Geständnissen nach der Entführung des Lindberg-Babys 1932 oder dem typisch amerikanischen „künstlichem Lächeln“ machte er auch die Vielfalt und Ungenauigkeit menschlicher Wahrnehmung deutlich, das mache es eben auch bei Zeugenaussagen vor Gericht schwer, Wahrheit und Lüge zu erkennen. 
 
In der Evolution sei der Mensch mit der Fähigkeit zu Lügen einzigartig: Zwar kenne die Natur zahlreiche Arten des Täuschens als Selektionsmechanismus und einige wenige Beispiele auch für Täuschen durch soziale Aktionen, aber Lügen als vorausschauender sozialer und sprachlicher Akt sei ein Bestandteil menschlicher Kultur.
 
Insgesamt betonte Pienemann, dass erfolgreiches Lügen eine hohe kognitive, soziale und sprachliche Kompetenz erfordere, dass Lügen im Rahmen der kulturellen Entwicklung gelernt werden müsse. Manchmal werde jemandem Lügen unterstellt, ohne dass er/sie gelogen hat, z.B. durch unterschiedliche Perspektiven, selektive Wahrnehmung, Fabulieren oder einfach nur durch ein schlechtes Gedächtnis.
 
Die zahlreichen Zuhörer dankten Prof. Pienemann für die verständliche und unterhaltsame Darstellung eines doch komplexen Themas und nahmen nach dem Vortrag die Gelegenheit war, sich über das Thema mit persönlichen Erfahrungen auszutauschen.
 
Der nächste Jakobi-Treff „Kirche und Welt“ ist am Mittwoch, den 22. Juni 2016. Traditionell gibt es beim letzten Termin vor dem Sommer eine Exkursion, diesmal zu den Ledder Werkstätten.