Superintendent André Ost im Jakobi-Treff „Kirche und Welt“: Was bedeutet es heute, Protestant zu sein?

Passend zum beginnenden Reformationsjubiläum war das Thema im Jakobi-Treff „Kirche und Welt“  im Oktober gewählt: Das Erbe der Reformation - Was bedeutet es heute, Protestant zu sein?“ , Referent war der Superintendenten des Kirchenkreises Tecklenburg  André Ost. 

Ost betonte zu Beginn den langen Anlauf des Reformationsjubiläums mit seinen verschiedenen Themenjahren in der letzten Dekade und warnte vor einem übertrieben Personenkult um die Person Martin Luthers und vor einer möglichen medialen Überzeichnung. 

Die Antwort auf die Frage, was es heute bedeute, Protestant zu sein, was also eigentlich die protestantische Identität sei, müsse ohne Rückgriff  auf die altbekannten Muster der Abgrenzung gegeben werden, auf die die katholische Kirche mittlerweile durchaus zu Recht allergisch reagiere. 

Ein zweite Gefahr bestehe darin, dass man womöglich einen protestantischen Etikettenschwindel betreibt, dass man quasi Waren ins Schaufenster stellt, die es in Wahrheit im Geschäft selber gar nicht zu kaufen gebe. 

Und natürlich werde Geschichte immer besonders greifbar durch Geschichten, die sich anschaulich erzählen lassen. Und da gebe es nun mal für einen religionspädagogischen Zugang nichts Besseres, nichts Eindrücklicheres als die Lebensgeschichte Martin Luthers. Das hätte sich kein Autor besser ausdenken können. Diese pralle Menschlichkeit, diese Umbrüche und Widersprüche in seinem Leben, dieser Mut und diese Widerspenstigkeit, das unerschütterliche Gottvertrauen dazu und diese seltsam brachiale Frömmigkeit, die sich wortgewaltig Ausdruck zu schaffen verstand, das alles wirke  bis heute anziehend.

Ost erläuterte protestantische Identität mit einem Drei- Säulen-Modell: Die erste Säule, auf der evangelische Identität beruhe, sei der theologische Grundsatz von der „Rechtfertigung allein aus Glauben“. „Allein durch die Gnade, allein durch Christus, allein durch den Glauben wird der Mensch gerecht vor Gott.“  So habe es die reformatorische Theologie später griffig festgehalten.  „Diese Erkenntnis wurde für Luther zu einer Befreiung. Und sie wird zum Ausgangspunkt für alles Weitere. Sie wird letztendlich der Grund, um gegen die Buß- und Ablasspraxis der Kirche vorzugehen.  Denn Luthers Intervention sei ein Kampf um das richtige Gottesverständnis. Luther habe den gnädigen, rechtfertigenden, den befreienden Gott entdeckt, so Ost.

Die zweite Säule, um das Erbe der Reformation zu beschreiben, sei das Merkmal der Schriftbezogenheit.  Das Wort der Bibel solle alleinige Richtschnur für den Glauben sein, wenn es um Lehrfragen des christlichen Glaubens gehe. Die Predigt als der Mittelpunkt des Gottesdienstes, die auf der Schriftlesung fußt, beruhe darauf. Auch sein Sakramentsverständnis habe Martin Luther mit dem Maßstab der notwendigen Schriftbezogenheit begründet. So sei es zur Beschränkung auf die zwei Sakramente von Taufe und Abendmahl in der Kirche der Reformation gekommen. Es müsse sich aus der Schrift herleiten können, dass Christus die Sakramente eingesetzt hat, so lautete die Argumentation. 

Dafür müsse nicht unbedingt der Pastor allein nur zuständig sein. Ein Grundanliegen der Reformation sei ja, dass der einzelne Christ, die einzelne Christin in die Mündigkeit versetzt werde, den eigenen Glauben selber verstehen zu können, dass heißt, selber die Bibel lesen zu können. Dem trügen die vielen Bibelübersetzungen in die verschiedenen Landessprachen Rechnung. Wenn es ein Verdienst der Reformation gebe, das heute wohl einhellig geteilt werde, dann sei es dies, dass Luthers Bibelübersetzung einen wertvollen Beitrag für die deutsche Sprachentwicklung geleistet habe.

Die dritte und letzte Säule, die das Erbe der Reformation im heutigen Protestantismus beschreibe, sei das Priestertum aller Glaubenden oder Getauften, das sich zum protestantischen Profil entwickelt habe. Dies präge das Kirchenverständnis in den Kirchen der Reformation. Martin Luther habe die Kirche nicht spalten wollen, er wollte sie reformieren. Darin seien sich evangelische und katholische Lutherforschung heute einig. Er sei ein in seiner Kirche verwurzelter Mensch gewesen und die damalige römische Kirche war zudem reformbedürftig. Auch das sei heute allseits unstrittig.

Hinter uns liege ein Jahrhundert der Ökumene, das Annäherungen gebracht habe, die in 400 Jahren zuvor aufgrund einer langen Konfliktgeschichte unmöglich gewesen sei. „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“ heißt das gemeinsame Wort der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) und der Deutschen Bischofskonferenz, das in diesem Jahr erschienen ist. Einerseits würden hier die belastenden Erinnerungen der Vergangenheit nicht verschwiegen, aber es werde  nach einem Weg gesucht, sie gemeinsam zur Heilung zu bringen.

Ost kündigte noch diverse Besonderheiten im Jubiläumsjahr an, so z.B. das Aufstellen einer Luther-Figur im öffentlichen Raum („Hier stehe ich“),  die Ausstellungen „Frauen der Reformationsgeschichte“ und „Hut ab, Luther“ in der Johannes- Gemeinde, den Ökumenischer Neujahrsempfang am 27. Januar 2017 in Rheine und eine Großveranstaltung der Kirchenkreise des Münsterlandes  am 17. September 2017 auf der Freilichtbühne Tecklenburg und natürlich den  31. Oktober 2017 als einmaligen gesetzlicher Feiertag.

In seinem Ausblick betonte Ost die Wichtigkeit der Fortsetzung des ökumenischen Weges. In Anbetracht des Bedeutungsverlusts des christlichen Glaubens müsse einerseits das Kleinerwerden gestaltet werden, andererseits müsse aber auch die Nähe zu den Menschen erhalten bleiben und die missionarische Aufgabe, das Werben für den Glauben, dürfe nicht nachlassen.

Am Ende dankten die zahlreichen, sehr aufmerksamen Zuhörer in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Gemeindesaal mit herzlichem Applaus.