"Zukunft der Altenarbeit" als Thema im Jakobi-Treff "Kirche und Welt"

„Wohin geht die Altenpflege, nicht nur ein Blick in die Glaskugel“  war das genaue Thema im letzten Jakobi-Treff „Kirche und Welt“ . Karl Wilms konnte als Referentin Silke Beernink, Geschäftsbereichleiterin des Evangelischen Perthes-Werkes begrüßen. Beernink ist Diplom-Sozialpädagogin und hat sich frühzeitig auf Altenarbeit spezialisiert. Heute  ist sie verantwortlich für 11 stationäre Einrichtungen, 4 Tagespflegen, 3 ambulante Dienste und eine Anzahl von Service- Wohnungen. In Ihrem Verantwortungsbereich werden etwa 1030 Bewohner, 140 Tagesgäste und 135 ambulante Patienten von ca. 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut und versorgt.
 
Nach der Darstellung der Altenpflege im Spannungsfeld von Fachlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Christlichkeit ging sie insbesondere auf den Fachkräftemangel, den Wandel der Bewohner-Struktur in den stationären Altenhilfe-Einrichtungen und die neuen gesetzlichen Vorgaben (Alten- und Pflegegesetz und Wohn- und Teilhabegesetz) ein.  
Das Perthes-Werk als Evangelische Einrichtung unterliege zwar auch wirtschaftlichen Zwängen, fördere aber mit Liebe und Zuwendung zu allen Menschen die unverlierbare Würde aller Bewohner und auch aller Mitarbeiter.
Die Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden und ihren Seelsorgern gewährleisteten Angebote, die die Grundeinstellung aller Mitarbeiter maßgeblich beeinflussten. Der Mangel an Fachkräften in den Pflegeberufen führe mittlerweile dazu, dass Stellenangebote für examinierte Pflegefachkräfte im Bereich Altenhilfe im Bundesdurchschnitt 123 Tage vakant seien und rechnerisch auf 100 freie Stellen nur 46 Arbeitssuchende kämen. Schätzungsweise werde sich der Personalbedarf in der Pflege (Fach- und Hilfskräfte) bis 2050 auf bis zu 1,5 Millionen Vollzeitkräfte mehr als verdoppeln. Vor diesem Hintergrund nehme die Personalbindung und Nachwuchsförderung eine zentrale Bedeutung ein. 
 
Nach wie vor möchten 90 Prozent der Bevölkerung zu Hause gepflegt werden und nicht in einem Altenheim. Dahinter stehe vor allem die Angst vor Autonomieverlust und defizitärer Versorgung. Dagegen bestehe aber eine große Offenheit und grundsätzlich positive Einstellung gegenüber neuen Wohn- und Versorgungsformen wie betreutem Wohnen, Mehrgenerationenwohnen oder auch Alten-Wohngemeinschaften. Dies habe direkt Auswirkungen auf die Bewohner-Struktur in den stationären Altenhilfe-Einrichtungen, so Beernink: Die durchschnittliche Verweildauer sinke stetig auf heute im Schnitt 27 Monate; 18% der Heimbewohner versterben innerhalb von 4 Wochen nach Einzug, 47% innerhalb von 12 Monaten. Der relative Anteil der Männer sei deutlich angestiegen, bei deutlich kürzeren Verweildauern im Vergleich zu den Frauen (2014: Männer 17,9 Monate, Frauen 31,6 Monate). Stationäre Einrichtungen würden zunehmend zu Palliativ-/ Hospizeinrichtungen besonders für Männer oder zum letzten Wohnort für Frauen mit einer demenziellen Erkrankung.
 
Dem trage auch die Gesetzgebung Rechnung, das Pflegestärkungsgesetz II führe in 2017 mit einem neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff  eine Stärkung der Demenzerkrankten ein. In Zukunft werde es fünf Pflegegrade statt drei Pflegestufen geben. Dies führe zu einer erheblichen Steigerung des ambulanten Budgets und einer Absenkung des stationären Budgets besonders bei den niedrigen Pflegegraden. Trotz der gesetzlich vorgegebenen Stärkung der ambulanten und teilstationären Strukturen würden stationäre Einrichtungen der Altenhilfe auch in Zukunft notwendig sein. Schwerpunkt hierbei bildeten die intensive pflegerische Versorgung am Ende der Versorgungskette (bei schwerer Pflegebedürftigkeit) mit Schwerpunkten Palliativ/ Hospiz und/ oder Schwerpunkt Demenz. Zunehmen werde auch der Pflegebedarf für Männer.
 
Dies alles führe in der Altenpflege zu einer Ausdifferenzierung der Angebote mit Spezialisierung auf bestimmte Krankheitsbilder, Vernetzung mit den unterschiedlichen Angeboten im Quartier und vielfachen Optionen von der Vollversorgung bis zur maximalen preisreduzierenden Einbindung von Angehörigen. Als wesentliche Voraussetzung zur Bewältigung der anstehenden Veränderungen sieht Beernink eine deutliche Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufes z.B. durch fundierte Personalbedarfsbemessung, angemessene Entlohnung, Karrierechancen und Bürokratieabbau.
 
Zusammenfassend nannte sie fünf Faktoren für die Zukunft der Altenpflege:
 
- Reduzierung der Pflegebedürftigkeit durch ein Gesundheitswesen, dass frühzeitig reagiert
- Entwicklung der Familienstrukturen (weniger Menschen werden nur durch die eigene Familie gepflegt werden können)
- Versorgungspräferenzen von Pflegehaushalten und Pflegebedürftigen
- Rationalisierung der Versorgungssysteme durch sektoren- und systemübergreifende Abstimmung gesundheitlicher und pflegerischer Hilfe
- Flexibilisierung der Pflege durch Überwindung der klassischen Zweiteilung ambulant und stationär in Varianten des Wohnen mit Dienstleistungsbezug
 
Nach einer intensiven Diskussion dankten die zahlreichen Zuhörer mit reichlich Applaus und nahmen nach dem Vortrag die Gelegenheit war, sich über die wichtige Materie mit persönlichen Erfahrungen auszutauschen.